Welche Bildung braucht die Wirtschaft?
Dr. Roger Wehrli, stv. Bereichsleiter allgemeine Wirtschaftspolitik und Bildung bei economiesuisse

Die Anforderungen an Arbeitnehmende ändern sich laufend. Bereits seit einiger Zeit sinkt wegen der Digitalisierung die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitnehmenden, die Routine-Tätigkeiten ausüben. Dies hat zur Folge, dass die Anforderungen an das Qualifikationsniveau in vielen Berufsfeldern steigen, und stellt dementsprechend auch das Bildungssystem vor Herausforderungen. Denn die langfristigen Bedürfnisse des Arbeitsmarkts sind einer der zwingenden Orientierungspunkte für alle Ausbildungsstufen, um die Schülerinnen und Schüler darauf vorzubereiten, später ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, in der Gesellschaft ihren Platz zu finden und insbesondere, dass sich bei entsprechenden Leistungen beruflicher Erfolg einstellt. Die Bildungsinstitutionen müssen sich also bereits heute daran orientieren, welche Kompetenzen in der Zukunft besonders wichtig sein werden.
Begeisterung für MINT-Fächer und technische Tätigkeiten wecken
Diesbezüglich gibt es aber Nachholbedarf: Zu wenige Schulabgängerinnen und -abgänger verfügen über ausreichende MINT-Kompetenzen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Dies ist fatal, weil aus Sicht der Wirtschaft MINT-Kompetenzen immer stärker gefragt sind. Und zwar nicht nur, weil MINT-Berufe immer wichtiger werden, sondern auch weil es fast keine Berufe mehr gibt, bei denen diese Kompetenzen keine Rolle spielen. Es gilt deshalb, in den Schulen früh die Begeisterung für MINT-Fächer und technische Tätigkeiten zu wecken. Die Schülerinnen und Schüler sollen auf allen Stufen stufengerecht lernen, digitale Werkzeuge und Techniken richtig zu nutzen, und einen guten naturwissenschaftlichen Unterricht geniessen, der die Neugierde weckt.
Schulsprache und Mathematik als wichtige Fächer in der Volksschule
Die obligatorische Schulzeit ist vermutlich die wichtigste Periode, um sich Kompetenzen anzueignen. Die Volksschule muss sich auf ihre wesentlichen Aufgaben fokussieren können und in den für die nachfolgenden Stufen relevanten Kompetenzen eine ausreichende Qualität erreichen, anstatt sich mit immer neuen Themen zu befassen. Ein zentrales Problem besteht nach wie vor darin, dass ein zu grosser Teil der Jugendlichen die obligatorische Schule mit deutlichen Schwächen in den wichtigsten Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen verlässt. Ungenügende Grundkompetenzen oder mangelnde Motivation und Selbstdisziplin werden auf jeder Bildungsstufe zu einem Problem, das sich perpetuieren kann. Es ist oft nur schwer und mit viel persönlichem Engagement möglich, solche Defizite später zu überwinden und Verpasstes nachzuholen. Daher gilt es, in den ersten Schuljahren besondere Aufmerksamkeit auf die wichtigen Fächer Mathematik und Schulsprache zu legen.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Schülerinnen und Schüler in ihrer obligatorischen Schulzeit auch gute Soft Skills erwerben müssen. Mit diesen Kompetenzen wird der Mensch gegenüber Maschinen auf absehbare Zeit klar im Vorteil bleiben. Gemäss einer aktuellen Umfrage des WEF (2020) werden neben den IT-Kompetenzen insbesondere die Fähigkeit, kritisch und innovativ zu denken, Problemlösungsfähigkeiten, Selbstmanagement und das Zusammenarbeiten mit anderen Personen an Bedeutung zunehmen.
Wirtschaftliche und unternehmerische Bildung fördern
Viele Schweizerinnen und Schweizer verstehen leider die grundsätzlichen Mechanismen einer Volkswirtschaft nicht und verfügen nicht über ausreichend betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Dies ist bedenklich, da sie im Alltag wirtschaftliche Überlegungen anstellen müssen, z.B. ob sich ein Leasing-Vertrag lohnt. Ebenso stimmen sie an der Urne über viele wirtschaftspolitische Vorlagen ab, und sollten somit die volkswirtschaftlichen Konsequenzen ihres Abstimmungsverhalten abschätzen können. Daher sollten sich alle Schülerinnen und Schüler ein erstes Verständnis für die Funktionsweise der Wirtschaftskreisläufe und der wirtschaftspolitischen und betriebswirtschaftlichen Mechanismen erarbeiten können. Obwohl mit dem Lehrplan 21 bei den Inhalten der Volksschule Verbesserungen erfolgt sind, muss bei der Umsetzung im Unterricht nun darauf geachtet werden, dass betriebswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Aspekte ihren angemessenen Platz erhalten.
Stärkung der Berufslehre statt Erhöhung der Maturitätsquote
Rund 20 Prozent aller jungen Menschen in der Schweiz schliessen das Gymnasium ab. Forderungen nach einer höheren Maturitätsquote ist aber entschieden entgegenzutreten. Denn nicht nur der prüfungsfreie Zugang von den Gymnasien an die Hochschulen ist eine erhaltenswerte Besonderheit des Schweizer Bildungssystems, sondern auch die breite Auswahl an Berufslehren, ermöglicht durch die duale Berufsbildung. Eine Erhöhung der Maturitätsquote wäre keine gute Antwort auf die immer höher werdenden Anforderungen in der Berufswelt. Die exzellente Qualität der Berufsbildung und der weiterführenden Ausbildungen (beispielsweise an Höheren Fachschulen und Fachhochschulen) ist eine zentrale Stütze der Innovationskraft und Leistungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft, die die Versorgung mit qualifizierten und arbeitsmarktnah ausgebildeten Fach- und Führungskräften sicherstellt.
Diese Stärke der Berufsbildung muss mittels einer stetigen Weiterentwicklung der Berufslehren und der weiterführenden Aus- und Weiterbildungen beibehalten werden. Dazu soll unter anderem die Durchlässigkeit zwischen den Bildungswegen weiter gefördert werden. Ausserdem müssen die Eltern unbedingt stärker in den obligatorischen Berufswahlunterricht miteinbezogen werden, sowohl an den Sekundarschulen als auch an den Langzeitgymnasien.
Es gibt keinen Königsweg in der Schweizerischen Bildungslandschaft. Jeder Weg kann zum Erfolg führen. Denn jedes Kind, jeder Jugendliche hat andere Bedürfnisse und Fähigkeiten. Damit sich das Potential aller Schweizerinnen und Schweizer entfalten kann, benötigen wir eine hohe Qualität aller Wege.

Dr. Roger Wehrli, economiesuisse