Starke Wirtschaft, sichere Schweiz – ein Wechselspiel
Jérôme Müggler

Korpskommandant Benedikt Roos, seit Anfang 2026 Chef der Schweizer Armee, nutzte den Anlass für eine klare Botschaft: «Das Wichtigste für mich ist, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können. Es braucht die Wirtschaft, die Politik und das Militär für eine sichere Schweiz.» Roos sprach offen über die aktuelle Bedrohungslage und die strukturellen Schwierigkeiten, die einer raschen Reaktion darauf entgegenstehen. Trotz dieser Herausforderungen zeigte er sich überzeugt, dass die Schweizer Armee über eine einzigartige Stärke verfügt: die Milizarmee. Kaum ein anderes Land könne auf eine vergleichbare Einbindung der Bevölkerung in die Landesverteidigung zählen – und genau das sei ein strategischer Vorteil, den es zu pflegen gelte. Divisionär Willy Brülisauer, Kommandant der Territorialdivision 4, ergänzte den Appell mit einem nüchternen Befund: «Die Phase der Friedensdividende ist vorbei. Die Lage in Europa hat sich grundlegend geändert. Die Schweiz braucht mehr Sicherheit.» Diese Worte stiessen im Raum auf keine Überraschung – wohl aber auf Nachdenklichkeit.

Sicherheit als wirtschaftliche Grundlage
IHK-Präsidentin Kristiane Vietze bettete das Thema in einen grösseren wirtschaftspolitischen Zusammenhang ein. Sicherheit sei kein abstraktes Gut, sondern eine zentrale Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg: Unternehmen investieren nur dort, wo Risiken kalkulierbar sind; Innovation entsteht dort, wo Menschen sich frei entfalten können; Märkte funktionieren dort, wo Regeln gelten. Gleichzeitig gelte das Umgekehrte: Ohne eine leistungsfähige Wirtschaft fehlen die Ressourcen für eine glaubwürdige Landesverteidigung. Modernisierung, Ausbildung, Resilienz – all das kostet, und all das setzt wirtschaftliche Substanz voraus. Regierungsrätin Ruth Faller-Graf unterstrich diesen Zusammenhang aus kantonaler Sicht: Der Waffenplatz Frauenfeld sei für den Thurgau von grosser Bedeutung – nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich. Zudem erinnerte sie daran, dass die Alimentierung der Armee stets auch auf die Unterstützung der Arbeitgeber angewiesen sei. Es handle sich um ein Geben und Nehmen – beim Know-how wie auch bei der Stabilität des Landes.

Der Thurgau als Standort mit Verantwortung
Dass dieser Anlass in Frauenfeld stattfand, war kein Zufall. Der Kanton Thurgau verbindet Industrie, Unternehmertum und militärische Infrastruktur auf besondere Weise. Der Waffenplatz Frauenfeld ist ein bedeutender wirtschaftlicher Impulsgeber für die Region. Er schafft Arbeitsplätze, generiert Aufträge und verankert die Armee sichtbar im Alltag der Bevölkerung. Als Beispiel für die enge Verbindung zwischen Wirtschaft und Sicherheit nannte Kristiane Vietze das IHK-Mitglied GDELS-Mowag GmbH aus Kreuzlingen. Das Unternehmen steht international für Qualität und Präzision – und zeigt, dass der Export sicherheitsrelevanter Güter nicht nur wirtschaftliche Bedeutung hat, sondern auch technologische Kompetenz und industrielle Stärke dokumentiert. Sicherheitspolitik ist damit keine isolierte Staatsaufgabe, sondern ein gemeinsames Projekt, getragen von Politik, Armee, Wirtschaft und Bevölkerung.
Neutralität: Instrument, nicht Denkmal
Ein zweites, ebenso grundlegendes Thema durchzog den Anlass – die Neutralität. Kristiane Vietze sprach es direkt an – nicht, um sie infrage zu stellen, sondern um für ein realistisches Verständnis zu werben. Die Schweiz gelte seit dem Wiener Kongress als Mutter der Neutralität, und dieser Status werde ihr international weitgehend zuerkannt. Und dennoch: «Neutralität ist kein statischer Zustand. Sie ist ein aussenpolitisches Instrument, das immer wieder im Licht der jeweiligen Interessen und Herausforderungen neu ausgestaltet werden muss», so die IHK-Präsidentin. Die Geschichte zeige das deutlich – ob beim Beitritt zum Völkerbund, beim langen Fernbleiben von der UNO oder bei der Positionierung im Kalten Krieg. Für Unternehmerinnen und Unternehmer sei dieses Denken vertraut: «Erfolg verlangt Anpassungsfähigkeit, nicht das Festhalten an starren Modellen. Aussenpolitik erfordert dasselbe – Abwägung, Flexibilität und ein klares Verständnis der eigenen Ziele», so Vietze weiter. Kooperation und internationale Einbettung seien dabei kein Widerspruch zur Neutralität, sondern oft deren notwendige Ergänzung. Sicherheit, so das Fazit des Anlasses, entsteht nicht durch Neutralität allein, sondern durch kluge Politik, eigene Stärke und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.