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Schokoladenpioniergeist aus Kreuzlingen

Ob in den USA, Italien oder der Schweiz – die Schokolade von Stella Bernrain ist gefragt. Das Familienunternehmen zählt in Sachen Fairtrade und Bio zu den Vorreitern und bezieht den Rohstoff Kakao direkt bei Kooperativen in Lateinamerika und Afrika. Wie kam es, dass Stella Bernrain bereits in den 90er Jahren auf Nachhaltigkeit setzte? Und wie steht es um die Zukunft des Thurgauer Betriebs?
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Rund 80 Prozent der Produktion von Stella Bernrain ist Bio- und Fairtrade-zertifiziert.

In der Besucherwelt von Stella Bernrain herrscht reger Betrieb. Es ist angenehm warm und duftet nach Schokolade, als CEO Monica Müller zum Gespräch empfängt. Die Thurgauerin lenkt die Geschicke des Unternehmens in dritter Generation. Seit der Gründung im Jahre 1932 verschreibt sich das Traditionshaus der Herstellung von Schokolade.

Nischenmärkte als Erfolgsrezept

Ob klassische Milchschokolade, vegane Alternativen oder Fairtrade-Schokolade aus Costa Rica – das Team um Monica Müller entwickelt Schokolade in verschiedensten Ausführungen und Geschmacksrichtungen. Diese begegnet Konsumentinnen und Konsumenten im Laden jedoch meist nicht unter dem Namen Stella Bernrain. Der Traditionsbetrieb vertreibt 85 Prozent seines Absatzes an Gewerbekunden, welche die Schokolade unter ihrer eigenen Marken verkaufen. «Dies war ein strategischer Entscheid meiner Grosseltern», erklärt die Geschäftsführerin. «1955 haben sie für den Lebensmittelverein Zürich die erste Private Label Schokolade der Schweiz produziert.» Daraus entstand in den Folgejahren eine erfolgreiche Nischenstrategie. «Wir richten uns ganz nach den Ideen unserer Kundschaft und entwickeln massgeschneiderte Lösungen.» So hat Stella Bernrain auf Kundenwunsch beispielsweise schon Schokolade mit Phytohormonen produziert, um besonders gesundheitsbewusste Kundschaft anzusprechen. «Unser Vorteil ist, dass wir bereits ab der verhältnismässig kleinen Menge von einer Tonne produzieren können», erläutert Monica Müller.

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Monica Müller CEO Chocolat Bernrain AG

Bio-Pionierin in der Schokoladenbranche

Diese Flexibilität erlaubt es Stella Bernrain laufend neue Trends auszuprobieren. «Ein solcher Trend war zu Beginn auch die Produktion von Bio- und Fairtrade-Schokolade», erklärt Müller. «Einer unserer Kunden wollte 1991 eine Fairtrade-Tafel verkaufen und hat uns den entsprechenden Kakao geliefert. Diese Zusammenarbeit hat uns auf den Geschmack gebracht.» Heute sind rund 80 Prozent der Produktion Bio- und Fairtrade-zertifiziert. Der Kakao wird direkt bei Bauernkooperativen in den Herkunftsländern bezogen. Dies sei durchaus mit Herausforderungen verbunden: «Unsere Qualitätsanforderungen und die administrativen Abläufe sorgten zu Beginn für Schwierigkeiten. Glücklicherweise hatten wir einen Mitarbeiter in Costa Rica, der diesen Prozess begleitete.» Heute unterhält das Thurgauer Unternehmen weltweit Beziehungen zu Kooperativen – von Panama über Peru bis nach Uganda.
Nebst einer fairen Herkunft der Rohstoffe ist das Familienunternehmen auch sonst um eine nachhaltige Produktion bemüht. Neben Solarpanels und einer Wärmepumpe setzt Stella Bernrain seit 2014 auf NatureFlex™. Dies ist eine kompostierbare Verpackungslösung, die aus Holz produziert wird. Die Verpackung stehe dem Pendant aus Aluminium in nichts nach,einzig die Produktionsmaschinen mussten zu Beginn angepasst werden. «Heute verpacken wir rund 40 Prozent unseres Absatzes mit der neuen Lösung.»

Politische und klimatische Instabilität

Die Produkte von Stella Bernrain finden Abnehmer in über 50 Ländern. «Den grössten Teil unserer Produktion verkaufen wir in der Schweiz und im benachbarten Ausland», erläutert die Geschäftsführerin. «Rund 20 Prozent geht in die USA.» Der Absatzmarkt in den Vereinigten Staaten stellte die Verantwortlichen in den letzten Monaten vor Herausforderungen. «Nach Ankündigung der Import- Zölle konnten wir im August drei ganze Container zunächst nicht in die USA ausliefern.» Mittlerweile hat sich die Situation wieder etwas entspannt, der Absatz in den USA ist für Stella Bernrain aber weiterhin schwierig zu planen. Auch die aktuelle Frankenstärke erschwert das Exportgeschäft. Eine weitere grosse Herausforderung für das Unternehmen bildet der fortschreitende Klimawandel. Über Jahre lag der Kakaopreis zwischen 2‘500–3‘000 USD pro Tonne. «2024 hat sich der Preis aufgrund von Versorgungsengpässen innert kürzester Zeit vervierfacht», erklärt Monica Müller. Bis heute ist der Preis stark volatil. «Diese Planungsunsicherheit hat die Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten stark erschwert. Die Situation erforderte viel Geduld und Flexibilität von allen Seiten.»

Unternehmensnachfolge aufgegleist

Sehr erfreut zeigt sich Monica Müller darüber, dass die Unternehmensnachfolge gesichert ist: «Vor zwei Jahren ist mein Neffe bei Stella Bernrain eingestiegen. Es ist schön, dass die Begeisterung für Schokolade auch in der vierten Generation vorhanden ist.» Auf die Frage, welche Werte sie gerne weitergeben möchte, antwortet Müller: «Als Familienunternehmen ist mir eine langfristige Ausrichtung sehr wichtig. Zudem bin ich überzeugt, dass wir sowohl extern als auch intern unsere soziale Verantwortung wahrnehmen müssen.» Stolz präsentiert Monica Müller zudem das neue Branding von Stella. «Wir möchten die Präsenz unserer Eigenmarke stärken», erklärt die Geschäftsführerin. Deshalb haben sich Müller und ihr Team für die Lancierung von drei neuen Snack-Riegeln entschieden. Diese sind Bio- sowie Fairtrade-zertifiziert und werden in einer nachhaltigen Papierverpackung angeboten. Ein persönlicher Test des Autors nach Ende des Gesprächs bestätigt: Probieren lohnt sich.

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Die neuen Snack-Riegel der Marke Stella.