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Platz für morgen – wie die Schweiz ihr Wachstum meistern könnte

Einsprachen bremsen den Wohnungsbau. Verdichtung scheitert am Widerstand vor der eigenen Haustür. Gleichzeitig verliert die Schweiz weiter wertvolles Kulturland. Singapur, Wien und der Kanton Uri zeigen unterschiedliche Wege auf. Ein Denkanstoss, wie auch die (Ost)Schweiz diesen Spagat schaffen könnte.
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Die Schweiz wächst. Ende 2025 lebten 9,127 Millionen Menschen im Land, so viele wie nie zuvor. Bis 2055 rechnet der Bund mit 10,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Auch der Thurgau wächst überdurchschnittlich und dürfte bis 2040 rund 50’000 zusätzliche Menschen zählen. Seit 2017 verpflichtet die Kantonsverfassung Kanton und Gemeinden zu einem haushälterischen Umgang mit dem Boden.
Spürbar wird dieses Wachstum vor allem dort, wo der Platz schon heute knapp ist. Die Leerwohnungsziffer ist 2025 auf einen Rekordtiefstand von 1,0 Prozent gefallen, bei Mietwohnungen sogar auf 1,4 Prozent. Die Zersiedelung schreitet derweil unvermindert voran. Seit Jahrzehnten verschwindet pro Sekunde rund ein Quadratmeter Kulturland unter Asphalt und Beton, obwohl das Stimmvolk eine starre Bauzonenobergrenze 2019 deutlich ablehnte und auch die Landschaftsinitiative 2023 zugunsten des heutigen Raumplanungsgesetzes zurückgezogen wurde. Der Boden bleibt politisch heikel. Schon seit den 1950er-Jahren scheiterten links geprägte Bodenrechtsinitiativen, die Spekulation über staatlichen Bodenbesitz eindämmen wollten, regelmässig an der Urne. Sie galten als zu radikal für ein Land, das die Eigentumsgarantie hochhält.

Blockiert statt gebaut

Gleichzeitig steckt das Land in einer eigentlichen Planungsblockade. Ein Baugesuch braucht schweizweit im Schnitt 140 Tage bis zur Bewilligung, fast doppelt so lange wie 2010. In Genf sind es 369 Tage, in Zürich wird gegen sieben von zehn Bauprojekten Einsprache erhoben. Einsprachen gelten in der Baubranche mittlerweile als «fünfte Landessprache». Eine Mehrheit befürwortet Verdichtung im Grundsatz. Sobald aber ein konkretes Projekt vor der eigenen Haustür ansteht, kippt die Zustimmung. Verschärft wird die Lage durch ungenutzte Bauzonenreserven, die oft am falschen Ort liegen oder ohne Bauabsicht gehalten werden.

Zwei Denkschulen, ein Problem

International wie national zeigen sich im Kern zwei Antworten auf die Bodenfrage. Die eine, eher links verortete Schule setzt bei der Eigentumsform an. Der Staat soll Boden dauerhaft behalten und nur noch im Baurecht statt durch Verkauf abgeben, wie es Wien seit hundert Jahren praktiziert oder wie es Städte wie Basel und Zürich in jüngeren Vorstössen fordern. Der Grundgedanke hat durchaus seine Berechtigung. Öffentlicher Boden im Baurecht bleibt dauerhaft der Spekulation entzogen, und Gemeinden können damit gezielt preisgünstigen Wohnraum sichern. Das Modell bindet aber viel Kapital, macht den Staat zum Grossvermieter und löst die eigentliche Knappheit nicht. Wien kämpft trotz alledem mit langen Wartelisten. Singapur zeigt die Kehrseite einer konsequenten staatlichen Bodenpolitik. Sie funktioniert nur mit Enteignungen und autoritären Eingriffen, die mit einem Rechtsstaat wie der Schweiz unvereinbar sind.
Überzeugender wirkt der zweite, eher bürgerlich-marktwirtschaftliche Ansatz. Er will das Angebot vergrössern, statt Eigentum umzuverteilen. Dazu gehören mehr Einzonungen und Verdichtung an gut erschlossenen Lagen, schlankere Bewilligungsverfahren, die Umnutzung leerstehender Büroflächen sowie eine gezielte Besteuerung von Spekulationsgewinnen über die bestehende Grundstückgewinnsteuer statt über neue Eigentumsformen. Dieser Weg lässt das Eigentumsrecht unangetastet und ist eher anschlussfähig an föderale, eigentumsfreundliche Schweizer Strukturen. Der Kanton Uri zeigt, wie viel allein mit Tempo zu gewinnen ist. Dank klaren Abläufen, verbindlichen Fristen und einer digitalen Plattform bearbeitet er Baugesuche landesweit am schnellsten, ganz ohne neue Eigentumsmodelle.

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Was das für die Ostschweiz heisst

Für die Schweiz insgesamt heisst das, die Innenentwicklung gegenüber langwierigen Einsprache- und Schutzverfahren stärker aufzuwerten und Verdichtung dort zuzulassen, wo die Erschliessung bereits vorhanden ist. Für die soft-urbane Ostschweiz mit ihrem hohen Anteil an Kulturland eröffnet sich dabei eine eigene Chance, und zwar entlang des bürgerlichen Rezepts statt über staatlichen Bodenbesitz. Statt jede Gemeinde gleichmässig zu verdich ten, könnten gezielte Entwicklungsschwerpunkte an gut erschlossenen S-Bahn-Knoten wie Weinfelden, Frauenfeld oder Amriswil entstehen, mit klaren, digitalisierten und beschleunigten Bewilligungsverfahren nach Urner Vorbild. Kantone und Gemeinden könnten dafür gemeinsam Ab sichtserklärungen mit Zielwerten und verbindlichen Fristen erarbeiten, statt jedes Bauprojekt einzeln über Jahre auszufechten.
Regionale Wohneigentumsförderung könnte zudem helfen, Eigenheime für Familien und den Mittelstand erschwing l ich zu halten, statt Boden dem Markt zu entziehen. Die dazwischenliegende Kulturlandschaft bliebe bewusst erhalten, mit kompakten, lebendigen Ortskernen auf der einen und geschützten Natur- und Landwirtschaftsflächen auf der anderen Seite. Das wäre ein Weg, das Wachstum zu tragen, ohne die Region zuzubauen, ohne den Charakter der Ostschweiz aufzugeben und ohne das Eigentumsprinzip infrage zu stellen, das für viele KMU und Familienbetriebe in der Region eine zentrale Grundlage bleibt.

Dieser Beitrag versteht sich ausdrücklich nicht als Parole oder fertige Position. Er ist ein Denkanstoss, der bewusst auch unbequeme Ideen aufgreift, um eine konstruktive Diskussion darüber anzustossen, wie die Schweiz und die Ostschweiz mit Wachstum, Wohnraum und Verkehr künftig umgehen wollen.