Folgenschwerer Liberation Day für Thurgauer Unternehmen
Luca Kaufmann

«Instead of taxing our citizens to enrich other countries, we will tariff and tax foreign countries to enrich our citizens.» Bereits die Antrittsrede von Donald Trump am 20. Januar 2025 liess wenig Gutes erahnen. Kurz darauf liess der US-Präsident seinen Worten Taten folgen. Am 2. April, dem selbsternannten «Liberation Day», wurde die liberale Welthandelsordnung in ihren Grundfesten erschüttert. Fast alle Länder weltweit wurden mit Zöllen belegt. Was folgte, waren Monate geprägt von Verhandlungen, Investitionsversprechen und Ungewissheit.
Vergebene Liebesmüh
Am besagten 2. April verkündete Donald Trump im Rosengarten des Weissen Hauses die Hiobsbotschaft. Auf Schweizer Waren sollten künftig Importzölle in der Höhe von 31 Prozent erhoben werden. Kurz darauf folgte die Entwarnung. Die länderspezifischen Zölle werden für 90 Tage ausgesetzt – lediglich der Basiszoll von 10 Prozent blieb bestehen. Am 24. April reisten die Bundesräte Karin Keller-Sutter und Guy Parmelin in die USA. In Gesprächen mit US-Regierungsvertretern wurde der Schweiz zugesichert, dass sie zu den Ländern gehöre, mit denen prioritär eine Einigung erzielt werden solle. Trotz weiteren Verhandlungen gelang kein Durchbruch. Am 31. Juli folgte mit dem Anruf von Bundesrätin Keller-Sutter ein letzter Versuch, den US-Präsidenten umzustimmen – erfolglos. Ausgerechnet am 1. August, wurden die Strafzölle bestätigt und gar auf 39 Prozent erhöht.
Einigung über Umwege
Nachdem auf dem politischen Weg über Monate hinweg keine Einigung erzielt werden konnte, griff die Schweiz zu unkonventionellen Mitteln. Am 5. November 2025 traf sich eine Delegation verschiedener Wirtschaftsvertretermit Trump. Die Unternehmer scheinen die richtigen Worte beziehungsweise Geschenke, gefunden zu haben: Rund eine Woche nach dem Treffen und einer erneuten US-Reise von Bundesrat Parmelin war die Absichtserklärung Tatsache. Dadurch konnte der Zollsatz für US-Importe aus der Schweiz von 39 Prozent auf 15 Prozent reduziert werden. Im Gegenzug erklärte sich die Schweiz bereit, Importzölle auf bestimmte Fisch- und Agrarprodukte gegenüber den USA zu reduzieren. In Sicherheit wiegen kann sich die Schweiz trotzdem nicht. Die Absichtserklärung ist rechtlich unverbindlich. Umso wichtiger ist daher die laufende Aushandlung eines bindenden Handelsabkommens mit den USA. Doch ob und wann es zu einer Einigung kommt, ist noch unklar. Am 20. Februar 2026 kam es zur vorerst letzten Wendung. Das höchste Gericht der USA, der Supreme Court, hat die Sonder zölle als nicht rechtens eingestuft. Ein Ende der Unsicherheit ist indes trotzdem nicht in Sicht: Bereits am Folgetag kündete der US-Präsident die Einführung neuer Zölle basierend auf einer anderen Rechtsgrundlage an.
Verschiedene Thurgauer Unternehmen betroffen
Die Folgen der US-Zollpolitik sind auch in der Ostschweiz spürbar. Gemäss Daten des Konjunkturboards ist der Warenexport der Region Ostschweiz im zweiten und dritten Quartal 2025 gegenüber dem Vorjahr um 11,5 Prozent gesunken. Für den Thurgau bilden die USA nach der EU den wichtigsten Exportmarkt – 2024 belief sich das Exportvolumen auf 260 Millionen Franken. Eines der betroffenen Unternehmen ist die Geobrugg AG. Das Unternehmen aus Romanshorn ist auf die Herstellung von Stahldrahtnetzen spezialisiert, welche in den USA unter anderem in der Formel 1 Verwendung finden. «Wir sind sehr stark von den Zöllen aus Übersee betroffen», teilt CEO Andrea Roth auf Anfrage mit. «Alle Stahlprodukt-Importe werden von den USA unabhängig von länderspezifischen Zöllen mit einem Sonderzoll von 50% belegt.» Glücklicherweise betreibt Geobrugg einen Produktionsstandort in New Mexico. «Seit Inkrafttreten der Zölle setzten wir alles daran, möglichst alle Standardprodukte für den US-Markt direkt vor Ort zu fertigen.» Die kanadischen Kunden hingegen werden nicht mehr durch New Mexico, sondern durch Romanshorn abgedeckt. Dies, so erklärt Geschäftsführer Roth, um die kanadischen Gegenzölle zu vermeiden. «Als weitere Massnahme haben wir zudem sofort sichergestellt, dass die Zölle von den Endkunden in den USA bezahlt werden.»

Andrea Roth
Weitergabe der Zollkosten nur bedingt möglich
Auch die Produkte der Baumer Group finden in den USA Verwendung. Das auf Sensorik für Maschinen und Produktionsanlagen spezialisierte Unternehmen aus Frauenfeld beliefert in den Vereinigten Staaten sowohl Grosskonzerne als auch mittelständische Unternehmen in unterschiedlichen Branchen. Anders als Geobrugg hat Baumer keine Produktion vor Ort. «Eine Weitergabe der Zölle durch Preiserhöhungen ist aufgrund des starken Schweizer Frankens nur teilweise möglich», erklärt CEO Oliver Vietze. «Deshalb sind wir stark von den Zöllen betroffen.» Nach Inkrafttreten der Zölle hat das Familienunternehmen die Verlagerung von signifikanten Umsätzen in seine europäischen Werke vorbereitet – aber noch nicht gestartet. «Sollte sich die Zollsituation für die Schweiz wieder verschärfen, werden wir handeln müssen.»

Oliver Vietze
Verzögerte Auslieferungen
Die Chocolat Bernrain AG mit Sitz in Kreuzlingen beliefert ebenfalls seit Jahren Geschäftskunden in Nordamerika. «Unser Exportanteil in die USA ist zweistellig», erläutert CEO Monica Müller auf Anfrage. «Wir haben keinen Produktionsstandort in Amerika und sind daher erheblich von den Zöllen betroffen.» Nach Erhöhung der Zölle im August auf 39 Prozent konnte das Thurgauer Familienunternehmen drei Container mit fertig produzierter Ware nicht verschiffen. «Mit den nun tieferen Zöllen konnten wir glücklicherweise alles ausliefern.» Wie sich die Situation weiterentwickeln wird, ist nur schwer vorherzusagen. Es bleibt zu hoffen, dass die laufenden Verhandlungen zwischen Bern und Washington bald Früchte tragen.

Monica Müller