Die Ostschweiz ist näher am Weltraum als gedacht
Jérôme Müggler

Raumfahrt wirkt auf den ersten Blick weit weg vom regionalen Unternehmen. Doch der Blick auf die Technologiegeschichte zeigt: Was für das All entwickelt wird, landet früher oder später in unserem Alltag – und kommt auch aus den Produktionshallen unserer Region. Die Raumfahrt stellt extreme Anforderungen: minimales Gewicht, maximale Zuverlässigkeit, keine Wartungsmöglichkeit. Wer unter diesen Bedingungen Lösungen entwickelt, schafft Technologien, die weit über die Raumfahrt hinauswirken. GPS, Photovoltaik, Memory-Foam, kratzfeste Beschichtungen oder Herzschrittmacher-Batterien haben ihren Ursprung in Raumfahrtprogrammen und prägen heute Medizintechnik, Landwirtschaft, Energie und Mobilität. Genau diese Hebelwirkung macht es für einen Wirtschaftsstandort wie die Ostschweiz relevant, im Raumfahrtbereich präsent zu sein.
Unternehmen, die für die Raumfahrt entwickeln, werden gezwungen, an ihre eigene Innovationsgrenze zu gehen. Dieses Know-how strahlt auf Produkte, Prozesse und Fachkräfte ab. Hochschulen wie die OST schaffen dabei die Verbindung zwischen Grundlagenforschung und anwendungsnaher Entwicklung. Sie sorgt dafür, dass gut ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure in der Region bleiben. Für den Thurgau mit seiner dichten Industriestruktur aus Präzisionstechnik, Elektronik und Maschinenbau ist das keine abstrakte Zukunftsvision, sondern eine konkrete Chance, bestehende Stärken in neue Märkte zu verlängern.
Pureon liefert Poliermittel für Raumschiff-Fenster
Ostschweizer Unternehmen sind im Weltraum-Geschäft tätig. Aus dem thurgauischen Lengwil ist die Firma Pureon hierfür ein eindrückliches Beispiel. Das Familienunternehmen in dritter Generation ist ein führender Anbieter von Lösungen für die Oberflächenbearbeitung von Hightech- Materialien. Das Portfolio umfasst Verbrauchsmaterialien zum Trennen, Schleifen, Läppen, Polieren und Reinigen in Form von Diamantpulver Mikrokörnungen, Suspensionen, Pasten, Poliertüchern, Polier- und Schleifpads. Zum Einsatz kommen Produkte von Pureon unter anderem bei der Fertigung von Linsen, Prismen, Spiegeln, Wafern oder Fenstern. So können Spiegel beispiels weise für Grossteleskope oder Fenster für Fluggeräte verwendet werden.
Die Fenster des Orion-Raumschiffs, das im April im Rahmen der Artemis-Mission zum Mond geflogen ist, wurden mit Poliermitteln von Pureon auf sehr hohe Präzision poliert. Konkret wurde eine hochreine Ceroxid- Suspension eingesetzt, die für das Präzisionspolieren von Borosilikatglas, Quarzglas und Glaskeramik entwickelt wurde. Bei solchen Fenstern ist eine hohe Fertigungspräzision entscheidend, damit die Sicht nicht beeinträchtigt oder die Struktur nicht gefährdet ist und keine kosmische Strahlung eindringen kann. Die Astronauten haben die Erde und die Rückseite des Mondes auch dank Innovation aus dem Thurgau so klar sehen können. Neben der Raumfahrtindustrie beliefert Pureon auch Hersteller für Halbleiter, Medizintechnik, Luxusgüter, Messtechnik, Kameras, Laser- und Sensor-Optiken.

Blick aus dem Fenster des Orion-Raumschiffs auf die Erde.
Meteomatics unterstützt NASA mit Präzisionswetterprognosen
Das St.Galler Wettertechnologieunternehmen Meteomatics machte im vergangenen April seine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA bekannt. Im Zentrum steht der Einsatz des hochauflösenden Wettermodells US1k und der Prognosesoftware MetX an der Wallops Flight Facility in Virginia, einem der wichtigsten Raketenstartplätze der NASA. Wetterprognosen sind für Raketenstarts entscheidend. Schon kleine Abweichungen in Wind, Niederschlag oder Bewölkung können einen Start verzögern oder gefährden. US1k bietet eine neunfach höhere Auflösung als bisherige Standardlösungen und liefert damit ein deutlich präziseres Bild lokaler Wetterereignisse – etwa des Einflusses von Küstenwinden direkt am Startgelände.
Die Software MetX bündelt diese Daten auf einer einzigen Plattform in verständlichen Grafiken und beschleunigt so die Entscheidungsprozesse in zeitkritischen Situationen. Laut Adam Thomas vom Wallops Weather Office hat MetX vor allem die Kommunikation innerhalb der Teams vereinfacht. Wetterlagen lassen sich damit schnell und anschaulich visualisieren, auch in stressigen Einsatzbriefings. Gemeinsam verbessern US1k und MetX die Zuverlässigkeit der Prognosen, verkürzen die Zeit bis zum Startentscheid und stärken die operative Sicherheit rund um den Startplatz.
Vom Mondroboter bis zum Raketenfallschirm
Die Ostschweizer Fachhochschule OST mischt in der Raumfahrtforschung kräftig mit. Über ihre interdisziplinäre Plattform Space@OST bündelt sie Kompetenzen aus Maschinentechnik, Elektronik, Materialwissenschaften und Informatik – und bringt Studierende bereits während der Ausbildung mit der internationalen Raumfahrtindustrie in Kontakt. Das bislang grösste Projekt ist «MoonWalker». Gemeinsam mit der ETH Zürich und den Industriepartnern Maxon International, Beyond Gravity und ANYbotics entwickelt das Team einen Laufroboter für künftige Mondmissionen. Das System soll auch schwer zugängliche Orte wie Krater und Höhlen erkunden können.
Der Bund fördert das Projekt mit 3,1 Millionen Franken im Rahmen des Programms MARVIS, das Schweizer Akteure gezielt auf die Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA vorbereitet. Andere Studierende beschäftigten sich mit Fallschirmsystemen für Forschungsraketen – mit dem Ziel, Raketen nach dem Flug möglichst schnell wieder einsatzbereit zu machen. Dabei kommen neuartige Materialien zum Einsatz. Das Rocket Team der OST arbeitete eng mit der Ostschweizer Textilindustrie zusammen.