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Das Arbeitskräftepotenzial liegt auch vor der Haustür

Massnahmen, die darauf abzielen, die Produktivität im Inland zu erhöhen und das inländische Arbeitspotenzial besser auszuschöpfen, können einen dämpfenden Effekt auf die notwendige Zuwanderung haben. Vorschläge für entsprechende Mass nahmen liegen zwar auf dem Tisch, deren konsequente Umsetzung scheitert aber am fehlenden politischen Konsens.
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Die Zuwanderung hat der Schweiz seit Jahrzehnten Wohlstand gebracht und Lücken geschlossen, die der einheimische Arbeitsmarkt allein nicht füllen konnte. Doch dieses Erfolgsmodell gerät zunehmend unter Druck: Wachsende Teile der Bevölkerung stehen der Zuwanderung kritisch gegenüber, was nach einer Antwort verlangt, die über eine reflexartige Abwehr hinausgeht.
Wesentlicher Treiber Zuwanderung ist die demografische Alterung: In den kommenden Jahren gehen deutlich mehr Menschen in Pension, als junge Arbeitskräfte nachrücken. Eine im Auftrag des Seco durchgeführte Unternehmensbefragung zeigt, dass zwei Drittel der Unternehmen Schwierigkeiten haben, Personal zu rekrutieren oder zu halten. Mit dem Bericht «Ursachen und Auswirkungen von Arbeitskräftemangel» vom April 2026 legt der Bundesrat eine ausführliche Analyse zum Thema vor.
Die Schweiz gehört mit einer Erwerbsquote von 84 Prozent im internationalen Vergleich zwar bereits zu den Ländern mit einer sehr hohen Erwerbsbeteiligung. Durch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen und Beseitigung von Fehlanreizen lässt sich diese Quote aber noch verbessern. Economiesuisse und der Arbeitgeberverband haben dazu entsprechende Massnahmen vorgeschlagen. Die Industrie- und Handelskammer Thurgau sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Das grösste Potenzial liegt gemäss den Analysen bei den älteren Arbeitnehmenden und der besseren Integration von Müttern in den Arbeitsmarkt:

Potenzial von älteren Arbeitnehmenden besser nutzen

Im April hat der Arbeitgeberverband aufgezeigt, dass in der Schweiz in den letzten Jahren ein vermehrter Trend zu Teilzeitarbeit festzustellen ist. Während dies in den mittleren Altersgruppen vor allem auf Betreuungsarbeit zurückzuführen ist, nimmt die freiwillig gewählte Reduktion des Arbeitspensums zugunsten von mehr Freizeit vorallem bei den über 50-Jährigen zu: In dieser Altersgruppe bis zur Pensionierung schätzt der Arbeitgeberverband das Potenzial der dadurch entgangenen Vollzeitstellen auf über 53’000. Wie hoch das eigene Arbeitspensum gewählt
wird, ist zu Recht eine individuelle Entscheidung. Die Anreize aber sollten so gesetzt sein, dass sich eine Erhöhung
des Arbeitspensums grundsätzlich lohnt.
Für über 55-Jährige auf Stellensuche ist es allerdings auch deutlich schwieriger, wieder eine Stelle zu finden als für jüngere Arbeitnehmende. Hier sind bereits vorgesehene arbeitsmarktliche Massnahmen wie beispielsweise Jobcoaching oder die Möglichkeit von Einstiegspraktika wichtig. Arbeitgebende sind hier gefordert, echte Chancen zu bieten. Ergänzend wären geglättete Lohnbeiträge über die Altersgruppen sinnvoll, um die Chancen für ältere Arbeitnehmende im Arbeitsmarkt zu erhöhen.
Arbeitnehmende möchten teilweise durchaus über das Referenzalter hinaus tätig sein. Laut einer Studie von Swisslife fördern jedoch bisher nur 14 Prozent der Unternehmen eine Weiterbeschäftigung nach dem Pensionsalter aktiv. Freiwilliges Arbeiten über das Referenzalter hinaus
sollte aber finanziell attraktiv bleiben, indem beispielsweise der AHV-Freibetrag angehoben und ein Rentenaufschub finanziell belohnt wird. Angesichts der demografischen Entwicklung hält die IHK zudem eine Erhöhung des Referenzalters für unumgänglich, denn nur eine strukturelle AHV-Reform sichert die Renten auch für künftige Generationen.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter stärken

Bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden in der Schweiz in den letzten Jahren zwar bedeutende Fortschritte erzielt. Eine Studie des Bundes aber hält fest: Ein Fünftel der Mütter mit Kindern unter zwölf Jahren sind nicht erwerbstätig, obwohl die grosse Mehrheit von ihnen gerne arbeiten würde, vorausgesetzt sie hätten Zugang zu familienfreundlichen Arbeitsbedingungen und bezahlbarer Kinderbetreuung. In den letzten 20 Jahren wurden in der Schweiz rund 80’000 Betreuungsplätze geschaffen. Ende 2025 hat das Parlament das neue Kita-Gesetz verabschiedet, welches zum Ziel hat, Lücken im Angebot zu schliessen und unter anderem eine Betreuungszulage als Beitrag an die Kinderbetreuung vorsieht. Der Zeitpunkt des Inkrafttretens ist allerdings noch offen. Auch hier ist die Wirtschaft weiterhin gefordert, mit flexiblen und innovativen Arbeitsmodellen attraktive Optionen für Eltern und insbesondere Mütter zu bieten. Steuerlich hat die im Frühjahr angenommene Individualbesteuerung einen Fehlanreiz beseitigt. 

Staatliches Stellenwachstum bremsen und ein kritischer politischer Befund

In den letzten Jahren sind die Stellen im staatlichen Sektor in der Schweiz zudem deutlich stärker gewachsen als in der Privatwirtschaft, was den Unternehmen Arbeitskräfte entzieht. Hier ist eine Trendumkehr nötig. Potenzial bergen auch die konsequente Digitalisierung und die Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Dadurch realisierte Effizienz- und Produktivitätsgewinne werden zur Entschärfung des demografisch bedingten Arbeitskräftemangels beitragen. Für den Wirtschaftsstandort Schweiz ist Zuwanderung auch künftig notwendig. Die IHK beobachtet allerdings mit Sorge, dass ausgerechnet jene politischen Kräfte, die der Zuwanderung besonders kritisch gegenüberstehen, sich bislang kaum aktiv dafür einsetzen, das inländische Arbeitspotenzial noch besser zu nutzen. Eine Reduktion der Zuwanderung zu fordern, gleichzeitig aber Vorstösse zur Flexibilisierung des Rentenalters, zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder zur Entlastung älterer Arbeitnehmender zu blockieren, ist aus Sicht der Wirtschaft widersprüchlich.

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